Abiturrede im Juni 2007

von | 10.06.2007

Auf der Abiturfeier hielt Schulleiter Bernhard Nadorf die folgende Festrede:

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Liebe Angehörige und Freunde unserer Studierenden, Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Namen unserer Schulgemeinde begrüße ich Sie alle sehr herzlich hier in der Aula des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums.
Unser besonderer Gruß und unsere Glückwünsche gelten heute Abend den Studierenden, die uns eingeladen haben, mit ihnen die bestandene Reifeprüfung zu feiern.
Ich möchte Ihnen für diese Einladung danken und Ihnen allen von ganzem Herzen zur bestandenen Abiturprüfung gratulieren.

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

„NACHTAKTIV UND AUFGEWECKT“ so lautete vor vielen Jahren das Motto unserer Schule, in der sich Studierende berufs- oder familienbegleitend auf die Allgemeine Hochschulreife in einem Zweiten Bildungsweg vorbereiten. Auch Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten sind diesen Weg in den vergangenen Jahren erfolgreich gegangen und haben dabei auf Vieles verzichtet. Im Vergleich zu dem Pflichtbesuch eines Gymnasiums im Ersten Bildungsweg ist die Teilnahme an einem Abend- oder Schichtstudiengang mit erheblichen Belastungen verbunden, und deshalb gilt unser Glückwunsch Ihnen Allen, die unter diesen besonders erschwerten Bedingungen durchgehalten haben – ganz unabhängig von der Durchschnittsnote, die Sie in der Abiturprüfung erreicht haben.

Viele hätten ihr Ziel sicherlich nicht erreicht, wenn sie nicht gerade von ihren besten Freunden, ihren Familienangehörigen und sicherlich auch von ihren Lehrern immer wieder ermutigt worden wären, auch in schwierigen Situationen durchzuhalten und nicht aufzugeben. Ich möchte daher Sie alle heute Abend in unseren Dank einschließen.

Liebe Festgemeinde: Leistung hat viele Facetten und kann immer nur in Verbindung mit der persönlichen Lebenssituation beispielhaft erklärt werden:

Heute ist eine Studierende unter uns, die noch in der Woche der Abiturprüfung entbunden hat. Sie, liebe Frau Cetin hatten gleich zwei Aufgaben zu bewältigen: Die Prüfung begann in der Schule und endete im Krankenhaus. Vor der Abiturprüfung waren Sie rein äußerlich alleine, kurz danach haben Sie entbunden. Heute leben Sie von Ihrem Kind getrennt… Stellvertretend für die Mütter und die werdenden Mütter, die heute das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife in Empfang nehmen und unser Abendgymnasium besuchen möchte ich Ihnen, Frau Cetin an diesem Abend sehr herzlich gratulieren – zur bestandenen Reifeprüfung und zur Geburt ihrer Tochter.

So ungewöhnlich wie das Ereignis selbst war vor allem die Begleitung der Schwangerschaft durch die Lehrenden und Studierenden des Semesters. Die werdende Mutter und das Baby waren wochenlang Tagesthema im Sekretariat der Schule. Auch dies ist ein Beweis für das gute Klima in der Klasse und für die Solidarität und Compassion, mit der die Klassengemeinschaft die Studierende mitgetragen hat.

Für einige unserer Studierenden war das Abitur eine schwere Geburt, andere haben es sozusagen mit einem Kaiserschnitt geschafft. Und ganz besonders ungewöhnlich ist es sicherlich, wenn eine Studierende unserer Schule das Abitur mit dem Notendurchschnitt 1,0 ablegt. Wenn diese Studierende aus Polen stammt und dann auch noch die Prüfung im Fach Deutsch mit der Note „Sehr gut“ besteht, dann verdient dies unseren besonderen Respekt und unsere Anerkennung.

Und so repräsentieren Sie, liebe Frau Tadla diejenigen Abiturienten, deren Wiege nicht an der Ruhr, sondern an der Weichsel oder an einem anderen Fluss in einem anderen Land stand. Damit richtet sich unser Blick auf die internationale Zusammensetzung unseres Abitursemesters: Unsere Studierenden kommen aus vielen Ländern der Erde, aus der Türkei, von den Philippinen, aus Griechenland, Polen und Nigeria. Dass Sie an einem deutschen Abendgymnasium die Allgemeine Hochschulreife erfolgreich absolviert haben, ist eine ganz besondere Leistung. Ihr Erfolg an dieser Schule ist der beste Beweis dafür, dass unsere ausländischen Studierenden und ihre Familien nicht eine Belastung, sondern im Gegensatz – eine Bereicherung dieser Gesellschaft sind. Wir sind auf sie und ihre intellektuellen Fähigkeiten angewiesen, wenn wir die Zukunft dieses Landes und dieser Region gestalten wollen.

Die Zusammensetzung des Abitursemesters zeigt: Unsere Schule ist eine Weiterbildungseinrichtung für das Ruhrbistum und für das Ruhrgebiet: Die Wohnorte unserer Studierenden sind in Essen, Bochum, Bottrop, Gelsenkirchen, Gladbeck, Mülheim, Oberhausen, Recklinghausen.

Ihre Lebenswege könnten unterschiedlicher nicht sein; aber in den vergangenen Jahren haben Sie hier an der Franziskanerstraße zu einer Klassengemeinschaft zusammengefunden, die wie ein Regenbogen die Vielfalt in der Einheit widerspiegelt.

Der Regenbogen ist von alters her ein Zeichen der Harmonie und der Hoffnung. Was sind die Hoffnungen, die Sie mit der Allgemeinen Hochschulreife verbinden? Es wäre sicherlich vermessen, wenn ich diese sehr persönliche Frage nach dem Rasenmäherprinzip für Sie und für alle gleichermaßen beantworten würde.

Immer, wenn ich einen neuen Studierenden aufnehme, frage ich ihn oder sie, wann er oder sie pensioniert wird und welche Träume er oder sie bis zum Datum seines Ruhestandes realisieren möchte. Das Abendgymnasium ist eine Schule der Träumer, und viele dieser Träume werden wahr. Wenn man unsere Abiturienten nach der Prüfung fragt, dann sagen sie häufig: „Ich habe mir einen Traum erfüllt.“

Ich kann dazu nur heute ermutigend sagen: „Keep on dreaming“, denn einige von Ihnen möchten ein Hochschulstudium aufnehmen und erst in drei oder vier Jahren endgültig aus ihren Träumen erwachen. Wir brauchen Menschen, für die Bildung so wichtig ist, dass sie erhebliche Belastungen auf sich nehmen, um ihre Ziele zu erreichen. Sie haben jetzt – um mit James Bond zu sprechen – zwar nicht die „licence to kill“, aber die „licence to study“.

Die Bundesrepublik Deutschland hat nach einem Bericht der OECD deutlich zu wenig Akademiker. Die Schulen des Zweiten Bildungsweges leisten einen wesentlichen Beitrag zur Ausschöpfung aller intellektuellen Ressourcen. Diese Gesellschaft ist angesichts ihrer demographischen Probleme darauf angewiesen, die wenigen Menschen, die hier geboren werden, weiterzuqualifizieren und ihnen damit die Möglichkeit zu eröffnen, vielleicht nicht vierzig, aber doch 35, 30 oder 25 Jahre in einem neuen Beruf zu arbeiten, der sie und dieses Land erfüllt und bereichert.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten: Wenn wir Ihnen mit diesem Zeugnis die Reife für die Hochschule bescheinigen, dann ist damit sicherlich auch die Erwartung verbunden, dass Sie als Christen und Bürger Verantwortung in Staat und Kirche übernehmen – global und regional. Es gibt in diesen Jahren Ereignisse, die uns an diese Verantwortung erinnern, die uns aber auch die Möglichkeiten zeigen, unsere Zukunft zu gestalten: Da ist der G 8 Gipfel in Heiligendamm mit dem besonderen Schwerpunkt des „Global warming“ und der Hilfe für die Menschen in Afrika. In einer Zeit, in der wir im Internet kommunizieren und in unseren Bildungseinrichtungen Studierende aus all jenen Ländern aufnehmen, die uns global auf den Nägeln brennen, sind Probleme wie Hunger oder Aids nicht graue Theorie, sondern sehr praktische Lebenserfahrung vieler unserer Studierenden, die uns zu solidarischem Handeln herausfordert.

Solidarität ist auch das Band, das die Menschen im Ruhrgebiet verbindet und zum Aufbau dieser Region beigetragen hat. Auch unsere Heimat, das Ruhrgebiet und das Ruhrbistum stehen vor erheblichen Problemen und Herausforderungen; aber es gibt auch hier Chancen und Perspektiven. Und häufig sind es ja die Jubiläen und events, die nicht nur Anlass sind zur nostalgischen Rückschau, sondern auch unseren Blick nach vorne richten.

Da ist am 01. Januar 2008 das Jubiläum des Bistums Essen, das diese Schule trägt und erhält. Am 01. Oktober 2009 feiert unsere Schule den 50. Jahrestag seiner Gründung und im Jahre 2010 ist die Stadt Essen Kulturhauptstadt für das Ruhrgebiet.

Sie werden sich fragen:“Was hat all das mit uns zu tun?“

Ich glaube Sie und wir alle sind durch diese Ereignisse eingeladen, über die Zukunft von Kirche und Gesellschaft neu nachzudenken – in unserer Heimat und weltweit.

Studierende, die das Abendgymnasium besucht haben, gehören nach meiner Erfahrung zu den Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen. Diese Bereitschaft ist immer auch eine Bereitschaft zum kalkulierten Risiko, verbunden mit einem großen Arbeitseinsatz und dem festen Vertrauen in das Gelingen.

„Wenn wir nichts verändern, bleibt nichts, wie es ist.“ Dieses Motto aus dem Bundestagswahlkampf 1994 ist damals so richtig wie heute.

Es ist so etwas wie das Leitwort für die Studierenden, die eine Schule des Zweiten Bildungsweges besuchen. Menschen, die sich auf den Weg der Weiterbildung begeben, verändern sich und diese Gesellschaft, weil sie nicht möchten, dass alles so bleibt wie es ist.

Liebe Abiturienten, Liebe Angehörige und Freunde, Unsere besten Wünsche begleiten Sie auf allen Ihren Wegen. Wir wünschen Ihnen Gottes reichen Segen und den Erfolg den Sie verdienen – im Beruf und in der Hochschule. Hier an der Franziskanerstraße 67 sind Sie immer willkommen.
Ihnen allen wünsche ich einen schönen Verlauf der Abiturfeier.